Probleme mit Ratingagenturen in der europäischen Wirtschaft

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Dem deutschen Durchschnittsbürger ist die Existenz der heute so im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung stehenden amerikanischen Ratingagenturen bis vor einigen Jahren noch nicht bewusst gewesen. Spätestens seit der deutlich verschlechterten Wirtschaftslage Griechenlands (und anderer Staaten aus dem sogenannten „Olivengebiet“) und der damit in Verbindung stehenden Finanzkrise, sind die Namen der drei mächtigsten Agenturen in aller Munde: Standard & Poor’s, Fitch und Moody’s heißen die Ratingagenturen, die zusammen ein seltsames Monopol in der globalen Wirtschaftswelt gebildet haben. Ihre Bewertungen über Staaten und Unternehmen sind einflussreich und können ganz offensichtlich auf globaler Ebene große Nachwirkungen haben. Doch was genau sind eigentlich Ratingagenturen, wie ist es zu einem solchen Machtmonopol in der Finanzwelt gekommen und welche Probleme ergeben sich genau aus ihren Ratings?

Das Prinzip der Ratingagenturen entstand bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Wirtschaftsexperten erstmals systematisch amerikanische Eisenbahngesellschaften nach deren Kreditwürdigkeit bewerteten. John Moody war es, der ab 1909 eine solche systematische Bewertung einführte, nachdem Henry V. Poor bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts unregelmäßige Bewertungen der Kreditwürdigkeit bei Unternehmen vornahm. Ein entscheidender Grundstein für das derzeitige Monopol der drei größten Agenturen entstand im Jahre 1975, als die US-Börsenaufsicht jegliche Emission von Krediten oder Forderungen auf dem amerikanischen Kapitalmarkt mit einer verpflichtenden Bewertung verband. Diese gesetzlich verpflichtende Bewertung musste von zwei Ratingagenturen erfolgen und nur drei Agenturen waren dafür zugelassen: Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch.

Mittlerweile sind sieben weitere Agenturen ebenfalls national anerkannt und dürfen Ratings für Kapitalmarktzwecke herausgeben und zwar Kroll Bond Rating Agency, A.M. Best Company, Dominion Bond Rating Service, Japan Credit Rating Agency, Rating and Investment Information, Egan-Jones Rating Company und Morningstar. Wegen ihrer Erfahrung und besonderen Machtfülle bleiben die drei größten Agenturen aber die Machtzentrale bei Kapitalmarktratings. Hier spricht man oft von einem Macht-Oligopol, also einer Machtkonzentration in wenigen Händen, statt wie beim Monopol in einer einzigen Hand. Der fehlende Wettbewerb führt beim Oligopol über Güter oft zu steigenden Preisen und möglichen Preisabsprachen. Im Fall der Ratingagenturen hat dies vor allem seit 2007 zu einer offensichtlichen Einflussnahme der Agenturen in die Weltpolitik geführt. Der Aufbau einer europäischen Ratingagentur ist bereits seit den Siebziger Jahren versucht worden, ist aber bisher am Widerstand mannigfaltiger Wirtschaftsakteure in Europa gescheitert.

Kommen wir zur Frage, wie es eigentlich zu Ratings im Wirtschaftssektor kommt. Im Auftrag von Kreditnehmern oder Emittenten (Unternehmen oder Staaten, die Anleihen ausgeben) ermittelt eine Ratingagentur die Zahlungsfähigkeit des Auftraggebers anhand eines Senior- und eines Junioranalysten. Diese übermitteln ihre Analysen einem Firmenausschuss, der über die Bewertung entscheidet. Erst wenn der Auftraggeber selbst der Veröffentlichung der Daten zugestimmt hat, darf die Bewertung publik gemacht werden. In manchen Fällen erfolgt die Bewertung auch auf Antrag des Kreditgebers. Danach erfolgt meist unabhängig vom Auftrag jedes Jahr ein Update des Ratings. Solche Rating-Updates sind auch als Sekundär-Ratings bekannt. Die der Bewertung zugrunde liegenden Algorithmen und auch die zum Rating führenden Informationen bleiben Geheimnisse der Ratingagenturen. Bei Mandatsratings kann eine Agentur allerdings zunächst auf übermittelte Unternehmensinterna zurückgreifen und sich damit ein genaues Bild von der Bonität des Unternehmens machen.

Bereits die bis jetzt beschriebenen besonderen Eigenschaften von Ratingagenturen zeigen die wichtigsten Probleme ihrer Existenz auf. Zum einen ist da das Macht-Oligopol der Agenturen in der Wirtschaftswelt. Ein weiteres Problem erwächst aus dem Naturell der Mandatsratings. Bei Ratings, die durch einen Auftrag (Mandat) zustande kommen, ist meist die wirtschaftliche Abhängigkeit der beiden privaten Unternehmen kritisch. Die Ratingagentur ist ja theoretisch darauf angewiesen, dem Auftraggeber ein möglichst gutes Rating zu geben, um diesen und weitere potentielle Kunden nicht zu verschrecken. So kommt es hier zu einem Interessenskonflikt, der durchaus gefährliche Auswirkungen für beide Seiten haben kann. Es ist sicherlich nicht auszuschließen, dass sich Ratingagenturen für gute bis sehr gute Ratings Boni bezahlen lassen, die in diesem Falle rechtlich nicht mal als illegal angesehen werden könnten. Denn die Bewertungen von Ratingagenturen sind in den USA als Meinungen definiert und nicht als Zertifikate oder Verkaufsempfehlungen. Sie sind in den Vereinigten Staaten von der Meinungsfreiheit gedeckt und damit rechtlich gegen Angriffe geschützt. Ähnlich steht es noch in den Euro-Staaten, obwohl die Einschätzung als Meinung vom deutschen Staat derzeit geprüft wird.

Die Auswirkungen dieser privaten „Meinungen“ sind nach Meinung der meisten Wirtschaftsexperten mittlerweile global so groß, dass sie nicht mehr als solche gelten könnten. Von vielen Europäern und Amerikanern wird daher gefordert, die Ratingagenturen für ihre Entscheidungen direkt verantwortlich zu machen. Andernfalls könnten die Agenturen Entscheidungen völlig ohne Auswirkungen auf ihre eigene internationale Reputation fällen, womit sie die einzigen Akteure mit einem „Freifahrtschein“ im Wirtschaftssystem wären. Möglicherweise eine durchaus fatale Bevorteilung. Von Seiten der Volkswirtschaft und der Politik mehren sich deshalb die Stimmen, die eine Überwachung und Überprüfung der privaten Ratingagenturen fordern. Vor allem im Bereich der deutschen Sozialen Marktwirtschaft mit ihrer Zielsetzung der Wettbewerbsunterstützung und effizienter Marktkorrektur wäre dieser Schritt nicht nur notwendig sondern auch bezüglich des Konzepts der Wirtschaftsordnung völlig legitim. Möglich wäre hier beispielsweise die Einführung einer Aufsichtsbehörde.

Wie oben schon angeklungen, existiert außerdem generell das Problem der Transparenz bei Ratingagenturen. Die den Ratings zugrunde liegenden Informationen und genauen Einschätzungen sind nicht bekannt. Das ist vor allem problematisch, wenn Staaten als Emittenten von Staatsanleihen geratet werden. Die Folgen einer schlechten Bewertung durch Ratingagenturen sind deutlich höhere Zinsen auf Staatsschulden, was in der derzeit laufenden Finanzkrise zu einem Teufelskreis führt. Fallen die Ratings der Agenturen, steigen die Zinsen, was die Zahlungsfähigkeit der Staaten im Grunde ja nur noch mehr senkt. Damit sind weitere Abstufungen der Ratings unumgänglich. Ratings können also wie bei Unternehmen einen oder mehrere Staaten binnen Monaten in ihrer Existenz gefährden – und das ohne das Agenturen die Verantwortung für die Qualität ihrer Ratings übernehmen oder Informationen zur Begründung der Bewertung offen legen müssten.

Zu guter Letzt ist eben deshalb die Qualität der Entscheidungen von Ratingagenturen in die Kritik geraten. Die großen Unternehmenspleiten seit 2002 haben keine der großen Agenturen in ihren Analysen vorhergesehen und damit zur Verschärfung der Krise aktiv beigetragen. Mittlerweile muss die zentrale Frage erlaubt sein, warum die Agenturen, die eigentlich potentiell über alle Unternehmensinterna und Insider-Informationen verfügt haben, diesen extrem instabilen Werten dauerhaft Bestnoten für ihre Bonität geliefert haben. Neben der Frage, ob Agenturen vielleicht dadurch selbst finanziell profitiert haben, muss nun über die Qualität der Ratings zu den Staatsanleihen diskutiert werden. In der Ratingsnote zur Bonität der Vereinigten Staaten von Amerika zeigen sich diese Probleme erneut: Während die chinesische Ratingagentur Dagong Global Credit (China ist größter Gläubiger der mit 14,8 Billionen Dollar verschuldeten USA) nur noch bei A+ liegt und Dagong damit klare Zweifel an der Bonität ausdrückt, rücken Fitch und Moody’s keinen Finger breit von der Bestnote für amerikanische Staatsanleihen ab. Die Frage muss also erlaubt sein, ob die Macht-Oligopolisten hier mit ihrem Herkunftsland paktieren und vielleicht sogar europäische Staatsanleihen gezielt herabstufen, um ihren Hauptkunden, die USA, auf dem Weltmarkt zu stützen.

© Kurt F. Domnik / pixelio.de

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