Die Tradition der christlich-demokratischen Politik
Posted by cduler 0 CommentsIm Bereich der politischen Ideologien sticht die Christliche Demokratie aus verschiedenen Gründen heraus. Einer dieser Gründe ist die besondere Herkunft und Entstehung der Ideologie. Während Liberalismus, Sozialismus und Konservativismus etwa zur gleichen Zeit während der Industrialisierung entstanden, bildeten die genannten Politiksichtweisen gemeinsam mit der christlichen Überzeugung die Grundlagen für das so entstandene christlich-demokratische Menschenbild. Auch gelangte die Christliche Demokratie erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer organisatorischen und inhaltlichen Ausprägung. In den Jahrzehnten vor 1945 war die Grundidee dafür erst langsam herangereift. Die Christliche Demokratie unterscheidet sich zudem von den anderen drei Ideologien, dass sie durch ihre Grundlage im christlichen Glauben Menschen aller sozialen Schichten ansprechen kann.
Bis 1945 existierte in Deutschland im Grunde nur eine starke christlich geprägte Partei, das Zentrum. Ab der napoleonischen Zeit wurde die katholische Kirche und ihre Anhänger durch Säkularisierungen zunehmend geschwächt. Katholiken reagierten auf diese Schwächung und die Stärke der protestantischen Kirche als Staatskirche in den nördlichen Ländern Deutschlands zunächst mit dem Verbot von Mischehen und programmatischen Angriffen auf den Protestantismus. Eine politische Vereinigung der Katholiken bleib jedoch aus. Erst ab 1870, als sich katholische Studenten bereits in großer Zahl zu katholischen Studentenverbindungen zusammengeschlossen hatten, konnte der Katholizismus mit der Zentrumspartei ein festes organisatorisches Gerüst etablieren. Bismarck förderte diese schrittweise erfolgende Organisation der Katholiken damit, dass er im Kulturkampf mit Verboten gegen sie vorging. Dies lies die katholischen Organisationen weiter wachsen, vor allem die Zentrumspartei und die katholischen Studentenverbindungen konnten zahlenmäßig sehr von ihrer Verfolgung profitieren, selbst wenn letztere zeitweise sogar verboten waren.
Inhaltlich hatten die politisch aktiven Katholiken aus vielerlei Schichten nur zwei gemeinsame Ziele, den katholischen Glauben und den Schutz der katholischen Kirche. Die Adligen innerhalb der Zentrumspartei stellten sich dagegen sehr konservativ auf, Arbeiter tendierten zu sozialistischen Interpretationen und in Außen- oder Wirtschaftspolitik gab es stets keine homogene Meinung innerhalb des Katholizismus der Vorkriegszeit. Erst langsam entwickelten sich gemeinsame Grundideen. Einerseits erschien der Mensch als ein Geschöpf Gottes, das mit originärer Freiheit und Würde ausgestattet war. Der Mensch hatte in dieser Sichtweise also seine Freiheit von Gott erhalten und nicht vom Staat oder Organisationen. Andererseits entwickelte sich die Idee, dass der Gesamtstaat immer das letzte helfende Glied einer solidarischen Kette sein sollte, die beim Individuum selbst und seinem sozialen Umfeld beginnt. Zu guter Letzt wurde die Etablierung einer festen Staatsform mit Verfassung eher abgelehnt, wichtiger war dass der Staat auf die Basis christlich-sittlicher Prinzipien gestellt war.
Entwickelte sich der politische Katholizismus zu einer wichtigen politischen Bewegung, so entstanden aus dem Protestantismus heraus kaum eigenständige politische Ideen und Bewegungen. Der deutsche Protestantismus befand sich in einer Mehrheitsposition gegenüber dem Katholizismus und war deutlich konservativer ausgerichtet. Die jeweiligen Landesfürsten waren zugleich Oberhäupter der Landeskirchen, so dass der Protestantismus keine dogmatische und organisatorische Geschlossenheit entwickelte.
Die Entwicklungen im Dritten Reich und dessen Zusammenbruch im Jahre 1945 änderte die Lage der Christlichen Demokratie vollständig. Bei der Machtübernahme durch Hitler 1933 hatten sowohl Zentrumspartei als auch alle weiteren Organisationen christlicher Prägung bei der Verhinderung einer nationalsozialistischen Diktatur versagt. Vatikan und Drittes Reich waren zum Schutze der katholischen Kirche ein Konkordat eingegangen. Erst als der gesamte Unrechtscharakter des Nationalsozialismus allen begreiflich wurde, gingen Katholiken und Protestanten zum aktiven Widerstand über. So beteiligten sich christlich-demokratische Aktivisten auch am Attentatsversuch Stauffenbergs, wobei besonders der Einsatz von Josef Wirmer hervorzuheben ist. Das Erlebnis der Konzentrationslager sowie der gemeinsame Widerstand gegen die Politik Hitlers führte Politiker katholischen und protestantischen Glaubens nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen.
Ab 1945 entstanden so die beiden christlich-demokratischen Parteien, die Christlich-Demokratische Union (CDU) und die Christlich-Soziale Union (CSU). Mit ihrer Entstehung knüpfte man nicht nur an die Erfahrungen und Traditionen aus der Zeit der Weimarer Republik an. Durch die Zusammenfassung protestantischer und katholischer Staatsbürger und Ideen konnte man erfolgreich die ersten Volksparteien der deutschen Nachkriegsgeschichte etablieren. Die Parteien förderten aus den Erfahrungen der Weimarer Republik den Föderalismus, auch innerhalb der Parteistrukturen, und es gelang ein heterogenes Parteiklima zu schaffen. Mit Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland hatte man dazu noch eine markante Persönlichkeit als Anführer, der die Ideen der Sozialen Marktwirtschaft genauso etablieren half, wie er die Bundesrepublik auch außenpolitisch stufenweise wieder in die internationale Gemeinschaft reintegrierte.
Neben den Persönlichkeiten von Konrad Adenauer, Ludwig Erhard oder Franz Josef Strauß waren auch das christliche Menschenbild und die programmatischen Grundpositionen der Christlichen Demokratie entscheiden für den politischen Erfolg. So sehen die Christlichen Demokraten den Menschen als Gottes Geschöpf, das die Freiheit hat, sich und seine Umwelt zu gestalten, indem es mit anderen verantwortungsbewusst zusammenarbeitet. Daher ermutigt der christliche Glaube zwar zum Handeln und bewahrt damit vor Fatalismus, aber auch vor Fanatismus, der nach Meinung der Christlichen Demokraten dann entstünde, wenn man ein „Endziel“ für die Gesellschaftsentwicklung mit aller Kraft anstreben würde. Die Welt wird nach christlichem Verständnis nie vollkommen sein können. Auf diesem Hintergrund definieren die Christlichen Demokraten ihre Grundwerte Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit, Grundwerte, auf denen auch die sozialistische Politik basiert, jedoch in anderer inhaltlicher Definition.