Der demographische Wandel in Deutschland
Posted by Wandel_der_Zeit 0 CommentsDie britischen Jugendkrawalle von August 2011 schockieren noch heute die europäische Öffentlichkeit. Auch wenn die exzessiven Krawalle mit ihren brennenden Häuserblocks und plündernden Jugendlichen in Großbritannien sicherlich spezifische Gründe haben, warfen sie in Deutschland doch die Frage nach der eigenen Situation auf. Im Gegensatz zu Frankreich oder Großbritannien haben sich hier noch keine klassischen Ghettos gebildet und die soziale Lage scheint durch die bis heute im Land glimpflich verlaufende Wirtschaftskrise gedeckt. Auch die hohe Jugendarbeitslosigkeit der europäischen Nachbarstaaten ist in der Bundesrepublik eher unbekannt. Doch genauere Analysen der Verhältnisse zeigen auch in Deutschland eine problematische Entwicklung, die meist mit dem Begriff „demographischer Wandel“ abgehandelt wird. Doch wie genau lässt sich dieser Wandel beschreiben, welche Probleme fallen an und wie können sie gelöst werden?
Ein zentrales Problem des demographischen Wandels ist die Kinderlosigkeit in Deutschland. Die Geburtenziffer liegt seit Beginn der Siebziger Jahre auf sehr niedrigem Niveau. Auf eine Frau müssten eigentlich 2,1 Kinder fallen (Fertilitätsrate), damit die Mortalitätsrate in Deutschland abgedeckt werden kann. Zurzeit werden von hundert Frauen durchschnittlich aber nur 134 Kinder geboren. Dieser europaweite Trend bedroht den Generationenvertrag, die nachfolgenden Generationen können die Altersversorgung der älteren Generationen nicht mehr stemmen, da ihre Zahl schlichtweg zu klein wird. Schon jetzt ist der „demographische Bauch“ der sogenannten „Baby-Boomer“, der zwischen 1948 und 1960 geborenen Bald-Rentner ein Problem für die Entwicklung der deutschen Gesellschaft. Dabei zeigt die Statistik für die Bundesrepublik den höchsten Anteil an dauerhaft Kinderlosen in Europa (25 Prozent) und die durchschnittlich älteste Bevölkerung Europas an. Familien mit mehr als zwei Kindern werden jedes Jahr seltener.
Laut Statistiken gibt es mehrere wichtige Faktoren, die den Kinderwunsch von jungen Menschen beeinflussen. 53 Prozent wollen so beispielsweise erst ein Kind wenn die Ausbildungen der Eltern abgeschlossen sind, 72 Prozent sehen den richtigen Zeitpunkt wenn zumindest einer der Partner eine gesicherte berufliche Position erlangt hat. Auch Wohnsituation und eine stabile Partnerschaft sind zentrale Faktoren für den Zeitpunkt des Kinderwunsches. Noch einflussreichere Faktoren sind aber die nach Meinung vieler Bundesbürger kinderunfreundliche Infrastruktur, fehlende Kinderbetreuung, die finanziellen Risiken eines Kinderwunsches und die Angst um Verlust des Berufs.
Die Kräfte in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik müssen also gemeinsam daran arbeiten, dass die demographischen Verhältnisse in Deutschland wieder positiver werden. Nur eine Gesellschaft, die eine leistungsfähige und gut ausgebildete Jugend hat, hat auch eine Zukunft. Der Generationenvertrag und die gesamte Wirtschaftsentwicklung sind in Gefahr, wenn in der Bundesrepublik auf die Fragen des demographischen Wandels keine Antwort gefunden werden. Ein erster Schritt zu einer leistungsfähigen Gesellschaft der Zukunft ist die bessere Regelung der Immigration. Immigration wird in Deutschland heute immer noch als ein Problem angesehen. Dabei ist weitgehend unbekannt, dass beispielsweise im Jahre 2009 ca. 738.000 Menschen aus der Bundesrepublik ausgewandert, aber nur ca. 721.000 Menschen eingewandert sind. Noch dazu ist der Altersdurchschnitt der Immigranten deutlich niedriger als der der Emigranten. Immigration ließe sich in Deutschland also dazu nutzen, die Folgen der Kinderlosigkeit wenigstens abzumildern. Dafür müssen Integrationsmöglichkeiten geschaffen werden, mit denen vor allem junge Immigranten in die deutsche Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft integriert werden können.
Ein erster Schritt dieser Integration muss im deutschen Schulsystem begonnen werden. Auch die konservativsten Kreise innerhalb Deutschlands haben mittlerweile ihren Widerstand gegen die Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems und gegen die Ganztagesschule aufgegeben. Eine Ganztagesschule würde vor allem sozial schwächere Familien unterstützen und mehr Möglichkeiten für die nachhaltige Bildung bieten. Dafür muss erstens mehr Geld im Bildungssektor investiert werden und zweitens das veraltete Schulsystem mit neuen, innovativen Methoden strukturiert werden.
Die Hauptschule muss aufgegeben werden, da sie in den Fünfziger und Sechziger Jahren zwar Sinn gemacht hat, heute aber zu einer Endstation und zu einem Sammelbecken für Kinder aus sozial schwachen Familien geworden ist. Die Schulpädagogen sind in den Hauptschulen dadurch immer mehr zu überforderten Sozialarbeitern gewesen, die sich mit Drogenproblemen statt mit Schulstoff herumschlagen müssen. Ein solches Sammelbecken schlecht ausgebildeter junger Menschen kann auch nicht im Interesse der Wirtschaft sein. Der (bereinigten) Arbeitslosigkeit von drei Millionen Menschen in Deutschland steht heute ein Fachkräftemangel gegenüber, der eine Vollbeschäftigung immer verhindern wird. Nur wenn auch die Breitenbildung deutlich verbessert wird, können junge Leute schnell in den Arbeitsalltag eingeführt werden und so hohe Sozialzahlungen dauerhaft verhindert werden. Dass Kinder aus sozial schwachen Familien durch ideale Bildungsvoraussetzungen keine Ingenieure oder Ärzte werden könnten, ist ein Märchen, dass die pädagogische Wissenschaft stets zurückgewiesen hat.
Neben der Verbesserung von Schulbildung und Integration muss die Bundesrepublik auf eine familienfreundlichere Politik umschwenken. Es ist nicht verwunderlich, dass junge Menschen kein Interesse an einer Familienplanung haben, wenn sie keine Garantie auf einen Kita-Platz für ihre Kind haben. Die Entwicklung moderner Konzepte zur besseren Vereinbarkeit von Karriere und Familie ist somit unumgänglich für die positive Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland. Im Mittelpunkt steht dabei außerdem die Gewährleistung der Generationengerechtigkeit durch die Sicherung solider Staatsfinanzen. Die Schuldenbremse in Deutschland und Europa, sowie die Beibehaltung der Funktionen der Sozialen Marktwirtschaft sind dafür unumgänglich.
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